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Alt 06.02.2010, 22:10   #1
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Icon5 Nomen est omen? Warum sehen wir Vornamen so, wie wir sie sehen?

Warum ist Kevin-Justin-Jason eigentlich blöd und hyperaktiv?

Angeregt durch diesen Beitrag und folgendes Video, kam ich heute ins Grübeln.
4 Promille - Export
Man achte auf den Text, vor allem auf die Zeilen
Zitat:
Als man noch rote Hand ohne Filter rauchte
Sein’ Sohn Horst oder Kalle taufte
Zum diskutier’n zwei Fäuste brauchte
Das war ’ne schöne Zeit
Das war ’ne schöne Zeit
Wenn ich die ganze Ruhrpottromantik außen vor lasse und meine Erfahrung einbringe: alle Kalles (inkl. original Karl-Heinz) und Horsts (Plural von Horst, anyone?), die ich bisher getroffen habe, waren einmal richtige Arbeiter. Fest anpacken, sich den Rücken krumm malochen und nach Feierabend der obligatorische Kneipenbesuch, grob gesagt. Waren Kalle und Horst typische "Arbeiternamen"?

Wie schaut es denn heute aus: die deutsche Comedywelt und Zeitungen scheinen sich einig zu sein - Kevin, Justin, Chantal(l)e usw. sind Verlierer. Sie schaffen mit Glück ihren Hauptschulabschluss; sie finden, wenn überhaupt, nur lausige Jobs in Klein-Hintervorderns Saunaclub oder bei Burger King; mit spätestens 13 Jahren fangen sie an zu rauchen und mit <18 sind sie schon Eltern, die vornehmlich irgendwelchen gescripteten Reality-Doku-Novela-Schrott gucken. Darin sind sie übrigens auch gern selbst die Protagonisten.

In den Zeitungen konnte man es ja schon öfter lesen, siehe hier und da und auch dort. Nicht zuletzt dieses Zitat stößt mir mächtig auf:
Zitat:
Besonders der Name ‚Kevin’ stellt sich hierbei als stereotyper Vorname für einen ‚verhaltensauffälligen’ Schüler heraus. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!“ heißt es in einem Fragebogen.
Das kam ausgerechnet von einem Lehrer. Wir erinnern uns: Lehrer gehören zu einer Berufsgruppe, die möglichst das Potential ihrer Schützlinge erkennen und fördern sollen. Wie kann das aber geschehen, wenn manche Kinder wegen ihres Namens von vornherein verschissen haben?

Vor allem: warum sind solche Kinder automatisch unten durch?
Die angesprochenen Namen sind also sehr beliebt in sozialen Kreisen, zu denen man nicht unbedingt gehören möchte. Zumindest wird das so suggeriert. Ich stoße hier nun auf ein Henne-Ei-Problem. Was war zuerst da? Der Name oder das Vorurteil?

Ich halte es durchaus für möglich, dass ein vermehrtes Auftreten dieser Name in jenem Millieu durch die allgemeine Sichtweise auf ebenjenes induziert sein mag.
Nehmen wir als Beispiel Schüler mit schlechten Noten, sie genießen kein großes Ansehen. Da gibt es Schüler, denen es schlicht egal ist. Daneben gibt es Schüler, die sagen, nur weil wir Probleme haben, sind wir keine schlechteren Menschen! Und schließlich gibt es diese Zyniker. Die hegen einen Galgenhumor und legen es vielleicht auch noch aus Trotz darauf an, ihre schulische Situation nicht zu verbessern. Aus Trotz(?) bedienen sie jene Klischees, die ihnen anhaften. Manchmal entwickeln sie auch noch einen bockigen Stolz auf ihre Lage und dann ist jeder Schüler mit besseren Leistungen eben ein blöder Streber. Jemand, mit dem man nichts zu tun haben will. Ich kann mir das Paradebeispiel nicht verkneifen:
YouTube- interview mit hauptschülerin
Verhält es sich mit den "Unterschichtennamen" (sorry) vielleicht ganz ähnlich?

Wegen Horst und Kalle habe ich meine Eltern angesprochen. Die sind beide über 60 und wenn die Zeiten zwischen 1950 und 1990 ihre eigenen Kevins hatten, müssten sie es ja mitbekommen haben. Weder aus der Alt-BRD, noch aus der DDR sind ihnen solche Erscheinungen jedoch bekannt. Amüsant wurde es laut ihrer Erzählung nur bei 2+n-stelligen Vornamen, wobei n natürlich von +1 bis +unendlich läuft. Okay, im Osten gab es noch diese Ronnie-Maik-Reiko-Silvio-Welle der Achtziger-Jahre. Aber dass ein Mensch schon an seinem Vornamen zu scheitern drohen sollte?
Horst und Kalle waren also weder rot, noch grün. Hat mich mein Empfinden da also gelackmeyert?
Also frage ich mich: wie ist es denn jetzt und warum ist es so?
Irgendwann in den (späten?) Neunzigern muss irgendetwas passiert sein, muss der "Unterschichten-Kevin" geboren worden sein.
Oder ist das alles vielleicht auf sozialwissenschaftlichem Mist gewachsen, weil die SoWis Beschäftigung brauchen? Diese liefern immer wieder irgendwelche tollen Beweise dafür, dass Kevin es schwer hat. Warum es so ist, konnte ich heute nirgendwo herausfinden.

Also liebe User: erklärt mir, wie die kleinen Justins-Jason-Rainbows gemacht werden.

Ich habe das Thema übrigens in diesem Unterforum eröffnet, weil die Wirkung der prekären Namen hauptsächlich über Medien um sich greift.

Geändert von Unruheherd (06.02.2010 um 22:12 Uhr) Grund: Nachtrag
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Alt 07.02.2010, 10:28   #2
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Dazu gibt es den schönen Begriff: "Kevinismus".
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Alt 07.02.2010, 13:31   #3
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Zitat:
Zitat von Unruheherd Beitrag anzeigen
Die angesprochenen Namen sind also sehr beliebt in sozialen Kreisen, zu denen man nicht unbedingt gehören möchte. Zumindest wird das so suggeriert. Ich stoße hier nun auf ein Henne-Ei-Problem. Was war zuerst da? Der Name oder das Vorurteil?
Ich würde sagen, man kann gesichert davon ausgehen, dass die Namen allesamt älter sind als die Vorurteile.

Zitat:
Ich halte es durchaus für möglich, dass ein vermehrtes Auftreten dieser Name in jenem Millieu durch die allgemeine Sichtweise auf ebenjenes induziert sein mag.
Ich denke das die Außensicht nicht so entscheidend ist wie der Habitus, der sich innerhalb eines sozialen Milieus über die Zeit entwickelt. Schließlich ist das Vorhandensein einer Namensmode kein Phänomen das auf ein Milieu beschränkt ist. Seit einiger Zeit kann man auch ncoh Kaiserreichrevival, sowie einen Trend zu extrem individualistischen Namen beobachten.

Der Namensvorrat ist ja gewachsen, durch gekappte religiöse Bindungen ist die Orientierung an "christlichen" Namen zurückgegangen (hier könnten sich ja die theologisch gebildeten mal äußern: war es nicht sogar mal so, dass es einen kirchlichen "Zwang" zur Namensgebung nach biblischen Figuren oder christlichen Heiligen gab wenn man ein Kind taufen ließ?), durch Inkulturation kamen neue Namen hinzu, weiterhin durch die Variationen von bekannten Namen und der Mut zum Kombinieren und das Recht der Namenserfindung zu nutzen. Alles Phänomene, die nicht wesentlich älter als dreieinhalb Jahrzehnte sind.

Zitat:
Also frage ich mich: wie ist es denn jetzt und warum ist es so?
Ich würde sagen, eine Notwendigkeit für das Auftritt dieses Phänomens ist, das die Gesellschaft innerhalb der dieses Phänomen zu beobachten ist erstarrt ist. Und persönlich finde ich, ist das der diskussionswürdigste Aspekt in diesem Zusammenhang.

Zitat:
Irgendwann in den (späten?) Neunzigern muss irgendetwas passiert sein, muss der "Unterschichten-Kevin" geboren worden sein.
In der deutschen Namensstatistik hat der Name Kevin einen Beliebtheitspeak im Jahr 1991. Es bleibt Spekulation ob die zeitliche Korrelation mit "Kevin allein zuhaus" oder Kevin Costner (dessen Karrierehöhepunkt eindeutig in dieser Zeit zu verorten ist) auch ein kausaler Zusammenhang darstellt. Allerdings braucht es schon ein wenig Zeit bis sich das zu einem Mem wie "Kevin = Unterschicht" entwickelt. Ich finde ein Jahrzehnt ist schon reichlich flott. Auch erklärt das nicht warum andere Namen ("Chantal") sich entsprechend zu entwickeln begannen.

Zitat:
Warum es so ist, konnte ich heute nirgendwo herausfinden.
Matthäus-Effekt ? Wikipedia

Zitat:
Also liebe User: erklärt mir, wie die kleinen Justins-Jason-Rainbows gemacht werden.
Also wenn sich ein Kevin und eine Chantal ganz ganz lieb haben... SCNR

Zitat:
Ich habe das Thema übrigens in diesem Unterforum eröffnet, weil die Wirkung der prekären Namen hauptsächlich über Medien um sich greift.
Ich denke mit der Platzierung hattest du schon einen ziemlich guten Riecher.
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Alt 07.02.2010, 15:16   #4
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Zitat:
Zitat von DocBritzel Beitrag anzeigen
Ich würde sagen, eine Notwendigkeit für das Auftritt dieses Phänomens ist, das die Gesellschaft innerhalb der dieses Phänomen zu beobachten ist erstarrt ist. Und persönlich finde ich, ist das der diskussionswürdigste Aspekt in diesem Zusammenhang.
Mehr Input! Du machst mich neugierig und als soziologisch unbeschriebenes Blatt benötige ich dahingehend weitere Anstöße.

Zitat:
In der deutschen Namensstatistik hat der Name Kevin einen Beliebtheitspeak im Jahr 1991...Allerdings braucht es schon ein wenig Zeit bis sich das zu einem Mem wie "Kevin = Unterschicht" entwickelt. Ich finde ein Jahrzehnt ist schon reichlich flott...
Deswegen habe ich noch das Fragezeichen eingefügt. Ich gehe davon aus, dass ein 1997 geborener Kevin inzwischen ins Schema passen kann.

Den Matthäus-Effekt kannte ich nicht. Ich habe ihn soeben für blöd befunden.
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Alt 07.02.2010, 18:56   #5
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Zitat:
Zitat von Unruheherd Beitrag anzeigen
Mehr Input! Du machst mich neugierig und als soziologisch unbeschriebenes Blatt benötige ich dahingehend weitere Anstöße.
Hmm, wenn du dich mit Elitensoziologie (zwei Seiten derselben Medaille!) beschäftigen willst, vielleicht als Einstieg was von der BpB: Eliten in Deutschland - Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10/2004)

Da ist auch ein Essay von Michael Hartmann dabei, der sehr viel im Bereich Elitenforschung/soziale Mobilität geforscht und publiziert hat und meiner Meinung nach auch sehr gut zu lesen ist.

Zitat:
Den Matthäus-Effekt kannte ich nicht. Ich habe ihn soeben für blöd befunden.
Das hilft leider nichts...
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