Zar Paul I. wollte 1799 mit dem Zweiten Koalitionskrieg nicht neue Territorien erobern, sondern unter anderem die katholische und die orthodoxe Kirche vereinigen und so die tausendjährige Spaltung der christlichen Welt überwinden. Dies erklärte der renommierte Historiker Oleg Sokolov, Präsident der Russischen Gesellschaft für Militärgeschichte, in einem Referat am Suworow-Abend im Rahmen der Russischen Kulturwoche 2008 in Zürich. Von Professor Oleg Sokolov
“Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln”, – schrieb der preussische General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz. Dies gilt auch für den so genannten Zweiten Koalitionskrieg von 1798 bis 1802, an dem sich das Russische Zarenreich aktiv beteiligte. Die Strategie des russischen Heeres und seines Oberbefehlshabers Alexander Suworow auf den italienischen Kriegsschauplätzen wurde in vielem von politischen Zielen bestimmt, die Russland sich gesetzt hatte. Um Suworows Handlungen richtig begreifen zu können, muss man die politischen Voraussetzungen für den Krieg von 1799 betrachten.
Zu Beginn möchte ich darauf hinweisen, dass ernstzunehmende zeitgenössische Historiker aufgrund neuer Forschungen die bisher übliche Darstellung von Zar Paul I. als einer geistig abnormen Person entschieden zurückweisen.
Der Monarch [von Peter III. als legitimer Nachkomme anerkannt, obwohl er wahrscheinlich der Sohn von Graf Saltykow war, einem Liebhaber seiner Mutter Katharina II.], dessen Leben 1801 ein tragisches Ende nahm, war in der Tat ein impulsiver und auffahrender Mensch, besass aber auch viele Tugenden.
Er genoss eine vortreffliche Ausbildung, beherrschte perfekt mehrere Fremdsprachen, zeichnete sich vor allem jedoch durch bemerkenswerte charakterliche Eigenschaften wie Ehrlichkeit und Geradheit aus. Und er war bestrebt, nicht nur mit dem üblichen Machiavellismus zu herrschen, sondern auch mit Gerechtigkeit und Ritterlichkeit. Sogar in der Aussenpolitik verabscheute er die üblichen diplomatischen Griffe und Kniffe: “Wahrheitstreue, Uneigennützigkeit und Kraft können selbst laut und direkt sprechen” – erklärte der Zar in einer Weisung an einen seiner Botschafter.
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