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Das Volk ein Trost. Deutsche & Juden 1933 - 1945 im Urteil jüdischer Zeitzeuge

Dies ist die Diskussion Das Volk ein Trost. Deutsche & Juden 1933 - 1945 im Urteil jüdischer Zeitzeuge im Politische Literatur Forum, als Teil der Politik Kategorie. "Tweet Ich lese gerade dieses Buch von Konrad Löw "Das Volk ist ein Trost" Deutsche und Juden 1933 - 1945 ..."

  1. #1
    Super-Moderator/in Avatar von Akolyth
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    Icon3 Das Volk ein Trost. Deutsche & Juden 1933 - 1945 im Urteil jüdischer Zeitzeuge



    Ich lese gerade dieses Buch von

    Konrad Löw

    "Das Volk ist ein Trost"
    Deutsche und Juden
    1933 - 1945 im Urteil der jüdischen Zeitzeugen
    Olzog, München, 2006

    Anstand in finsterer Zeit
    - Konrad Löw gibt jüdischen
    Zeitzeugen das Wort -

    Der Bayreuther Jurist und Politologe Prof. Konrad Löw hat Anfang des Jahres ein wichtiges Buch vorgelegt: „Das Volk ist ein Trost – Deutsche und Juden 1933 – 1945 im Urteil der jüdischen Zeitzeugen“[1].

    1. Der Autor ist den Lesern der MHR kein Unbekannter; an die absurden Kampagnen, die gegen ihn inszeniert worden waren, braucht deshalb nur kurz erinnert zu werden[2]:
    Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte im Frühjahr 2004 für ihr Deutschlandarchiv einen Aufsatz aus seiner Feder über „Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte“ veröffentlicht, war dann aber in plötzlicher Kehrtwendung über ihn hergefallen, hatte sich von seinem Beitrag einer angeblich relativierenden Geschichtsbetrachtung wegen mit großer Geste distanziert, ihre Leser und alle Welt um Entschuldigung gebeten, die Vernichtung („Makulierung“) der Restauflage angekündigt und eine erneute Abhandlung über deutschen Antisemitismus durch Wolfgang Benz versprochen, die Benz dann auch gleich mit der Bemerkung einleitete, Löws Aufsatz – „jüngstes Exempel eines missglückten patriotischen Projekts“ – habe seine nunmehr vorgestellten Gedanken über „Die Juden und die nationale Identität“ veranlasst[3]. Wenn Löw sich ausgerechnet auf Viktor Klemperer[4] als Zeugen dafür berufe, dass auch in den Zeiten schlimmster Judenverfolgung und -ent­würdigung im Volke dennoch Anstand und sogar riskante Hilfsbereitschaft weiter verbreitet gewesen seien als gemeinhin angenommen und gelehrt, dann sei dieses Aufbauschen „weniger Fälle von Hilfe“ einfach frech und zugleich ein Indiz für zweifelhafte Absichten[5].

    Ob es diese Diffamierung durch einen nicht ganz unbekannten Kollegen - immerhin den Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung! - war, die Löw alsbald wieder zur Feder hatte greifen lassen, um seinen Standpunkt weiter zu erhärten, ist unerheblich. Entscheidend sind Fülle und Art seiner präsentierten Quellen – ist sein Buch selbst[6].
    2. Darin lässt Löw nicht etwa Leute, die sich jetzt vom sicheren Port ihrer damaligen Haltung rühmen, zu Worte kommen, sondern jüdische Zeitzeugen: Opfer also, Verfolgte, Geschundene wie eben Viktor Klemperer[7] und etwa fünfzig andere, zitiert aus ihren in Zeiten der Verfolgung oder rückblickend niedergeschriebenen Aufzeichnungen[8] und gibt auch – für unterschiedliche Zeitabschnitte und Ereignisse - anderen, zumal ausländischen Beobachtern der damaligen deutschen Zustände das Wort; auf NS-Quellen (Himmler, Goebbels, „Meldungen aus dem Reich“ des Sicherheitsdiensts usw.) weist er insoweit hin, als dort Klage geführt wird über die Verständnislosigkeit des deutschen Volkes für die „Judenmaßnahmen“ des Regimes[9]. Es ist unmöglich, von dieser großen Quellenpräsentation auch nur einen Eindruck zu vermitteln; man muss sie lesen und - gerade wegen der Reflexionen über extrem gegensätzlicher Erlebnisse und Erfahrungen, auch des zeitlichen und situativen Schwankens der Urteile wegen – sie gründlich auf sich wirken lassen.
    Nur einige Beispiele aus jüdischer Feder:
    Victor Klemperer 1940: „Ich frage mich oft, wo der wilde Antisemitismus steckt. Für meinen Teil erfahre ich so viel Sympathie, man hilft mir aus, aber natürlich angstvoll. Ich erhielt einen unerfrorenen Weißkohl, eine Kohlrübe und Möhren – lauter seltene Delikatessen. Dazu eine Brotmarke geschenkt ...“[10]. Klemperer im April 1943 über seine Dresdener Zwangsarbeit: „... ich bin auch noch nirgends einer antisemitischen Regung im Betrieb begegnet ... Wie tief haftet der Antisemitismus im Volk? Ich schleppe eine schwere Teekiste. Ein arischer Arbeiter zu mir: „Das ist nichts für Sie, lassen Sie mich!“ Wenig später: „Nirgends unter den männlichen und weiblichen Bureau- und Fabrikleuten des Betriebs ist Antisemitismus zu spüren“[11]); und 1944: „Einzeln genommen sind fraglos neunundneunzig Prozent der männlichen und weiblichen Belegschaft in mehr oder minder hohem Maße antinazistisch, judenfreundlich, kriegsfeindlich, tyranneimüde ..., aber die Angst vor dem einen Prozent Regierungstreuer, vor Gefängnis, Beil und Kugel bindet sie“[12].

    Max Krakauer, der mit seiner Ehefrau vom Januar 1943 bis zum Kriegsende mit Hilfe „arischer“ deutscher Bevölkerung in Berlin, Pom-mern und Württemberg sich durchschlagen und versteckt halten konnte, über seine Aufzeichnungen von dieser Verfolgung:

    „Ihr Sinn ist es, zu zeigen, dass es in Deutschland jener Jahre, das sich dem außen stehenden Betrachter so ganz und gar im Gewand des Mörders präsentierte, noch eine ganze Anzahl von einzelnen Menschen, von Familien und Institutionen gab, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens und der Existenz ihrer Angehörigen, zum Teil unter Entbehrungen und Strapazen die Fürsorge von zwei von der Gestapo verfolgten und gehetzten Menschen auf sich nahmen ... Nie werden wir oder andere, die von dieser edlen Haltung wissen, ihnen unsere Rettung aus den Klauen der Schergen Himmlers lohnen können“[13].

    Statt weiterer Zitate nur dies aus der Würdigung Alfred Grossers[14]:
    „Ein gutes, ein beeindruckendes, ein mutiges Buch. Der Autor ... hat sich die Mühe gegeben anzusammeln, was bis jetzt vernachlässigt oder verzerrt wurde, nämlich die jüdischen Berichte zum Verhalten der deutschen Bevölkerung gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern. Zwei Zitate mögen die Grundorientierung belegen. Unter dem Titel ‚Retter, die keiner mehr kennt’ schrieb Arnold Lustiger ...: ‚Sie bilden das unbezahlbar teure moralische Kapital des deutschen Volkes, mit dem aber sträflich nachlässig umgegangen wird. Diese ‚unbesungenen Helden’ hat die Furcht erregende Brutalität des NS-Regimes nicht von ihren Rettungstaten abbringen können’“.
    Grosser zitiert dann die einem Widerstandskreis angehörige Journalistin R. Andreas Friedrich: „‚Wir, die wir im elften Jahr unter Hitlers Herrschaft stehen, haben wenig Grund, uns zu rühmen. Aber wenn Menschen ihr Leben eingesetzt haben für ihre jüdischen Brüder, dann sind es deutsche Nichtjuden gewesen. Hunderte, Tausende, Zehntausende, die täglich und stündlich ihren Kopf riskierten für ein paar armselige Brotmarken, ein vorübergehendes Notquartier ... Ertrotzt, trotz aller Verbote, Gesetze und Propagandabefehle’. Vor meiner Lektüre des Buches wusste ich seit je, dass es Hitler und Goebbels nicht gelungen war, den Judenhass zu verallgemeinern. ... Aber das Ausmaß der Hilfe und Sympathiebekundungen, das Konrad Löw darstellt, war mir unbekannt. ... Lebensmittelhändler, die geheim das Überleben ermöglichen, Krankenhäuser, die verbotswidrig behandeln, Lehrer, die jüdische Schüler gütig und verständnisvoll betreuen: die Darstellung der Helfer und der Hilfsleistungen ist beeindruckend. Und wie Recht hat Löw, die Autoren zu brandmarken, die bewusst die Wahrheit entstellt oder auch nur schlecht überdachte Behauptungen aufgestellt haben. Wenn jemand Klemperer erwähnt, um die Deutschen global zu verurteilen, und dabei nicht das geringste Zitat bringen kann, dann grenzt die Unterlassung an Fälschung ...“[15].

    3. Den Worten Alfred Grossers bleibt wenig hinzuzufügen:
    Die Behauptung deutscher Kollektivschuld verdient längst einen deutlicheren Widerspruch als man gemeinhin riskiert. Zwar wird sie rein verbal selten aufgestellt; umso unbedenklicher aber der Sache nach[16]: Was ist davon zu halten, wenn der unlängst noch als deutscher Außenminister amtierende Joschka Fischer verkündete: „Alle Demokratien ... haben eine Basis. Für Frankreich ist das 1789; für die USA die Unabhängigkeitserklärung ... Nun, für Deutschland ist das Auschwitz[17]; oder wie anders ist der öffentliche Triumphzug Daniel Goldhagens[18] („... in Deutschland geradezu masochistisch gefeiert“, Alfred Grosser) durch Deutschland - bis in die Schulen hinein! – zu erklären? Die Beispiele für einen Mangel an Differenzierungsvermögen oder –willen ließen sich fortsetzen – bis in die Gegenwart hinein. Und starre Geschichtsbilder können sich umso folgenreicher auswirken, je höher die Köpfe positioniert sind, in denen sie sich eingewurzelt haben[19].
    Auch die Juden selbst, die in Deutschland leben, zumal aber jene, die nach 1945 hierher zurückgekehrt sind – wie beispielsweise das Ehepaar Käthe[20] und Fritz[21] Manasse -, haben einen Anspruch auf die nunmehr dokumentierte Vervollständigung zeitgeschichtlichen Wissens und Meinens. Denn sie müssen mit dem alten Vorwurf leben (von dem Nicht-Juden meist nichts wissen), nach der Nazizeit wieder ins „Land der Mörder“ oder „der Täter“ zurückgekehrt statt korrekterweise nach Israel, allenfalls in die USA oder sonst ein Ausland gegangen zu sein[22]. Wenn aber das Land der Rückkehr eines war, in welchem es unter den notorisch-grauenhaften Bedingungen auch Anstand, menschliche Solidarität und selbstlose Hilfe für verfolgte Juden gab, dann bleibt von der Durchschlagskraft selbstgerechter, zionistisch eingefärbter Vorwürfe nicht allzu viel übrig.

    Konrad Löw besitzt einen ganz persönlichen Zugang zum Thema – d.h. auch einen spezifischen Grund zum Einspruch gegen die gängigen Rede- und Denkgewohnheiten: Als Katholik tief eingewurzelt in Tradition, Glauben und Milieu der kirchlichen Gemeinschaft, hat er katholischen Widerstand gegen die Nazis selbst erlebt, zunächst familiär, ihn dann aber auch außerhalb des engsten Kreises hundertfach bezeugt gefunden[23]. Das war kein lediglich subjektiver Eindruck: Wie viel weniger das katholische Milieu nazistisch verführbar war als das protestantische, zeigt schon die nüchterne Statistik der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932: je größer der katholische Bevölkerungsanteil, desto geringer der Anteil der NSDAP[24]. Viktor Klemperers Notizen quellen geradezu über von Bezeugungen der Anerkennung, der Achtung, ja der Rührung über Zuspruch und Hilfe, die er gerade von katholischer (oft dazu einfach christlicher, natürlich auch konfessionsloser) Seite selbst in schwerster Zeit bekommt, und gegen Ende seines Martyriums meint er, dies sei alles (für ihn, den Agnostiker) doch so viel gewesen, „dass wir eigentlich katholisch werden müssten“[25]. Die Quellen zeigten dann, dass Inkonformität mit der nazistischen Judenpolitik innerhalb der deutschen Bevölkerung über diesen Ausgangspunkt speziell katholischer Erfahrung weit hinausreichte.

    Genug: Man muss das opus lesen, prüfen, auf sich wirken lassen – und es beharrlich ergänzen: um Befunde, die dem entsprechen, was Löw hervorhebt, gewiss auch um solche, die das Bild wieder trüben[26]. Den Saldo nämlich muss jeder, so gut er kann, schließlich selbst ziehen. Wie immer er aber ausfällt[27]: Konrad Löw hat sich um die geschichtliche Wahrheit verdient gemacht, indem er den Blick auf eine insgesamt düstere und schlimme Epoche deutscher Geschichte erweitert, differenziert und dadurch von Klischees befreit.

    Günter Bertram



    [1] München 2006, 381 Seiten, Euro 34,00.
    [2] vgl. dazu MHR 4/2004, S. 42 ff: Bücherverbrennung 2004: Der Fall Konrad Löw, sowie 3/2005, S. 11 ff:
    Die Unperson beim Festkommers.
    [3] Wolfgang Benz im Deutschland Archiv 3/2004,
    S. 475, Fn. 1).
    [4] Victor Klemperer, geb. 1881 in Landsberg/Warthe (älterer Bruder des Dirigenten Otto Klemperer); Romanist, Professor, gest. 1960 in Dresden. Er wurde von den Nazis (obwohl protestantischer Christ) als Jude gepeinigt und verfolgt, gerettet letztlich durch die unerschütterliche Treue seiner christlichen Ehefrau Eva - und den alliierten Luftangriff auf Dresden, der den Zugriff der Gestapo in letzter Sekunde hinderte. Später ist er dem Publikum vor allem durch seine akribisch geführten Tagebücher der Jahre 1933 – 1945: „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ bekannt geworden.
    [5] Benz aaO. (Anm. 2), S. 479 und Anm. 16.
    [6] Dessen Titel „Das Volks ist ein Trost“ ist ein Zitat aus dem Tagebuch Jochen Kleppers vom 11. November 1938. Klepper – selbst christlicher Schriftsteller – wählte mit seiner jüdischen Frau und deren Tochter den Freitod, ehe die Gestapo auf die Familie zugreifen konnte. Auch seine Tagebücher sind erschütternde Zeitdokumente.
    [7] Klemperer hatte seine Tagebücher schon 1918 begonnen; allein die der Jahre 1933 bis Mitte 1945 umfassen acht Bände, aus denen Löw für unterschiedliche Zeitpunkte der Verfolgung insgesamt hunderte
    Zitate anführt. Klemperers „Tagebuch 1933 - 1945“ liegt in einer „Auswahl für junge Leute“ (in 7. Aufl. 2005, 7,95 Euro) als Taschenbuch vor, gut 200 Textseiten umfassend. Es enthält naturgemäß nur einen kleinen Teil der Löw’schen Zitate, immerhin auch davon einige wichtige. Der pädagogische Zuschnitt – vgl. insb. S. 227 mit einer speziell für die Antisemitismusfrage durchaus irreführenden Prämisse – läuft freilich wohl auf die übliche, d.h. klischeehafte Auslegung hinaus.
    [8] eindrucksvoll auch nach ihrer Zahl, z.B. Else Behrend-Rosenfeld, Werner Blumenthal, Inge Deutsch-kron, Elkan Wolf, Ludwig Feuchtwanger, Bella Fromm, Günther Ginzel, Gideon Greif, Kurt Grossmann, Hans Habe, Martin Hauser, Ruth Klüger, Max Krakauer, Edwin Landau, Joseph Levy, Gerhard Löwenthal, Arno Lustiger, Hertha Nathorff, Eva Reichmann, Hans Rosenthal, Karl Stern, Christine Zahn.
    [9] Aus einer Goebbels’schen Notiz für Hitler (zit. bei Löw, aaO., S. 338 mit Fn. 657): „Die Einführung des Judensterns hat genau das Gegenteil von dem bewirkt, was erreicht werden sollte, mein Führer! Wir wollten die Juden aus der Volksgemeinschaft ausschließen. Aber die einfachen Menschen meiden sie nicht, im Gegenteil, sie zeigen überall Sympathie für sie. Dieses Volk ist einfach noch nicht reif und steckt voller Gefühlsduseleien!“ Diesem Befund entspricht, was die Jüdin Else Behrend-Rosenfeld damals notiert: „Wie reagiert die Bevölkerung darauf? Die meisten Leute tun, als sähen sie den Stern nicht, ganz vereinzelt gibt jemand in der Straßenbahn seiner Genugtuung darüber Ausdruck, dass man nun das „Judenpack“ erkennt. Aber wir erlebten und erleben auch viele Äußerungen der Abscheu über diese Maßnahme und viele Sympathiekundgebungen für uns davon Betroffene. ... Mir erklärten unser Metzger und unser Butterlieferant, dass sie uns nun erst recht gut beliefern würden; sie schimpften kräftig auf diese neue Demütigung, die uns angetan wird.“ (zit. bei Löw, aaO., S. 144).
    [10] Nachw. bei Löw, aaO., S. 130
    [11] Nachw. bei Löw, aaO., S. 164 f .
    [12] Nachw. bei Löw, aaO., S. 167
    [13] Nachw. bei Löw, aaO., S. 149
    [14] Prof. Alfred Grosser, Paris, im Rheinischen Merkur vom 23.02.2006; ähnlich seine Worte bei der Präsentation des Buchs durch den Olzog-Verlag. Zuvor hatte er dem Autor gegenüber bedauert, keine Gelegenheit bekommen zu haben, ein Vorwort für dessen Buch zu schreiben: „Die ganze Anlage des Buches ist neu und mutig. Ich nehme an, dass Sie viel angegriffen und beschimpft werden. Nicht schlimm: Es ist immer gut, Wahrheiten darzustellen“. Tatsächlich ließ der erste Angriff nicht lange auf sich warten: Im „Parlament“ vom 13.03.2006 stand ein Verriss, von dem sich die Redaktion allerdings schon am 27. März ausdrücklich distanzierte und das Löw’sche Buch als gut und eindrucksvoll bezeichnete. Dazu wiederum die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung vom 27.04.2006: Erst verrissen, dann verteidigt.
    [15] vgl. dazu auch Grossers Ermordung der Menschheit. Der Genocid im Gedächtnis der Völker, München 1990.
    [16] auch in der Alternativenbildung Tätervolk / Opfervolk liegt diese kollektive Schuldzuschreibung, der oft eine ebenso verfehlte pauschale Entlastung entspricht.
    [17] zit. bei Löw aaO., S. 13
    [18] Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, 1996; dem SPIEGEL vom 12.08.1996 (S. 42) ist zu entnehmen, dass Goldhagens ohnehin abwegige Thesen im US-Original noch absurder ausfallen (der Österreicher Hitler ist dort nur noch der Vollstrecker der das deutsche Volk beherrschenden Judenmord-Phantasien) und für den deutschen Markt erst noch geglättet worden waren. 2002 tritt Goldhagen mit dem Buch: Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne hervor; vgl. dazu die kritische Besprechung von Rudolf Lill in: Das Historisch-Politische Buch 51 (2003), 117 ff: Geschichtsforschung oder Geschichtspolitik? Auffälliger- und bezeichnenderweise werden Goldhagens „Willige Vollstrecker“ im Klemperer-Taschenbuch für junge Leute (oben Anm. 7) in den knappen Literaturhinweisen (S. 218) empfohlen, ohne dass der Bearbeiter H. Roth die kritische Literatur dazu auch nur erwähnt.
    [19] Der auf Anhieb schwer zu entschlüsselnde Satz „Da die spezifische und über weitere Strecken düstere Historie Deutschlands es schwerlich erlaubt, als Rettendes die Nation ... zu beschwören, was denen überlassen bleibt, die immer noch vom Reich und seinen Herrenmenschen träumen, wird statt dessen unser kulturelles Erbe aufgefahren und zur ‚Leitkultur’ erklärt“ (vgl. FAZ vom 13.02.06: Gleiche Distanz zu allen Religionen), stammt immerhin von der Richterin am BVerfG Homann-Dennhardt und erlaubt die Vermutung, dass sie unter „Reich“ nur das sog. dritte versteht - also Nazismus, letztlich „Auschwitz“, die unsägliche Epoche deutscher Schuld schlechthin.
    [20] „Käthe Manasse - in memoriam”: MHR 3/1994, 9; vgl. auch MHR 2/2002, 5

    [21] „Rechtsanwalt Dr. Fritz Manasse wird hundert“: MHR 3/2004, 16

    [22] vgl. z.B. neuerlich Jüdische Allgemeine Wochenzeitung vom 24.11.2005: „Auf gleicher Augenhöhe“ - Akzeptiert Israel Juden in Deutschland als gleichberechtigte Partner? Eine Tagung und viel Streit“, wo man liest: „Viele von ihnen plagten Schuldgefühle, weil sie die ‚falsche’ Heimat gewählt hatten. Die Israelis taten ihrerseits wenig, um das Selbstbewusstsein der deutschen Juden zu stärken.“ Das findet (im Umkehrschluß) seine Bestätigung, wenn der Direktor des American Jewish Congress (AJC) Harris es als spezielles Verdienst just seiner Organisation hervorhebt, "dass das AJC die einzige jüdische Organsation war, die nie darüber geurteilt oder es gar verurteilt hat, dass Juden nach der Schoa in Deutschland geblieben sind" (vgl. Jüdischen Allgemeine vom 11. Mai 2006: Interview).
    [23] vgl. Klaus Kunkel (Hrsg.): Professor Dr, Konrad Löw, Köln 1987, dort z.B. S. 12 ff: Geprägt in der Zeit des Faschismus.
    [24] vgl. Konrad Löw: Die Schuld – Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart, 2002, dort Schaubilder S. 31. Anders als bei den Protestanten, deren Widerspruch zum Regime fast nur von der bekennenden Kirche kam, hat die katholische Kirche (trotz aller - in ihrer Bewertung teils strittigen Kompromisse -, zu denen sie sich gedrängt fühlte) den NS-Antisemitismus von Anfang bis Ende verurteilt und sich den „Arierparagraphen“ – anders als die „Deutschen Christen“, die ihn geradezu begierig übernahmen – niemals aufnötigen lassen.
    [25] Nachw. bei Löw, aaO., S. 268, Fn. 389
    [26] Die Notizen über menschliche Solidarität und Hilfe sind eingebettet in Schilderungen der Entwürdigung, Ausgrenzung und Vernichtung. Dies ist und bleibt ihr erstes Thema, auch in den von Löw angeführten Quellen, in denen es an verzweifelten Klagen über die „arische“ Umwelt natürlich keineswegs fehlt, auch nicht bei Klemperer. Dass die Nazis bei ihrem Machtantritt im Januar 1933 den Antisemitismus nicht erst erfinden mussten, liegt auf der Hand. Teils wurden jüdische Mitglieder aus Berufsverbänden, Innungen, Kammern, Vereinen usw. schneller ausgeschossen oder sonst marginalisiert, als die neue Obrigkeit dies verlangte. Was unsere eigene „Fakultät“ – die Juristen – betrifft, ist das Thema in den MHR mehr als einmal behandelt worden. Auf kirchlich-protestan­tischer Seite legten die sog. „Deutschen Christen“ einen antisemitischen Eifer übler Art an den Tag (dazu schon oben Anm. 22).
    Hamburgischer Richterverein - Landesverband Deutscher Richterbund


    Wolfgang Benz hatte so lange die absolute Lufthoheit über der deutschen Antisemitismusforschung, daß es geradezu wohltuend ist, einmal eine Veröffentlichung zu lesen, die nicht SEINEN Ton hat....lesenswert!
    Geändert von Akolyth (14.10.2012 um 04:49 Uhr)
    „Seine Armut ist Freiheit. Diese Freiheit ist Liebe. Nicht die Freiheit des Verstandes, der überlegen erkennt; nicht die Freiheit des Wollens, das sich in geordneter Übung löst. Unmittelbare Liebe; Kraft des von Gott berührten Herzens. Darum ist in Alledem kein Nein. Alles ist Ja. Alles blüht und leuchtet und lebt. Es ist das große Aug’ in Auge mit Gott“ -
    Romano Guardini über den Hl. Franziskus aus "In Spiegel und Gleichnis"

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  3. #2
    Aktivist/in Avatar von Anmerkung
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    Zitat Zitat von Akolyth Beitrag anzeigen
    Wolfgang Benz hatte so lange die absolute Lufthoheit über der deutschen Antisemitismusforschung, daß es geradezu wohltuend ist, einmal eine Veröffentlichung zu lesen, die nicht SEINEN Ton hat....lesenswert!
    Was genau stört dich an Benz?

  4. #3
    Super-Moderator/in Avatar von Akolyth
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    Guten Morgen Anmerkung,

    es stört mich, daß er zu wenig differenziert in seinem generellen Urteil über deutschen Antisemitismus.
    Er ist meines Erachtens nach stark verantwortlich für diese unheilvolle "political correctness" unter der die eigentlich notwendige Auseinandersetzung mit unserer Geschichte verschüttet wird.
    Grundsätzlich mag ich es nicht, wenn Einzelpersonen so viel Meinungsführerschaft zu einem Thema beanspruchen. Ich weiß, daß das auch die Verantwortung unserer stets nur reproduzierenden Medien ist, aber es hängt auch an Individuen und wie sie sich zu Wort melden.
    Ich urteile nicht ganz so hart, wie Broder, aber mit der gleichen Tendenz!
    (Ähnlich unnützlich finde ich den Banalgeschichtsunterricht, den Guido Knopp seit Jahrzehnten der Nation "verpasst"!)
    Diese eingeübte "Betroffenheitsroutine", wie sie auch Walser kritisiert hat, diese Worthülsen stumpfen die Menschen ab und verschließen die Ohren.
    Ich mache mir große Sorgen was sein wird, wenn die Zeitzeugen tot sind und wir, die wir noch mit Zeitzeugen gesprochen haben auch....
    Ideologie dürfte Geschichtsschreibung nicht dominieren und Leute wie Benz sind Ideologen.

    Gruß,
    A.

    Beispiel für Benz'sche Schräglage im Urteil:
    24.02.2011

    Rassismus in Kinderbüchern
    Igel bratende Zigeuner

    Der Historiker Wolfgang Benz kritisiert Vorurteile in Kinder- und Jugendbüchern - zum Beispiel Pippi Langstrumpfs Vater als "Negerkönig". Aber ist diese Debatte noch aktuell?von Marlene Halser

    Heldin des Feminismus, Anarcho und Punk der ersten Stunde - war Pippi in Wirklichkeit Rassistin? Bild: dpa

    Pippi Langstrumpf galt bislang als literarisches Vorbild der Frauenbewegung und des Feminismus. Endlich mal ein Mädchen, das mit den gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen brach und sich nicht um Autoritäten und Konventionen scherte. Gar anarchistische Züge schrieb man ihr zu und nannte sie den ersten Punk, lange vor den Sex Pistols. Nun soll dieses Mädchen eine Rassistin sein.

    "Pippi Langstrumpf ist mit Ressentiments befrachtet", sagte Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, am Dienstagabend bei einem Vortrag über "Vorurteile in der Kinder- und Jugendbuchliteratur" in München.

    Kolonialrassismus und weiße Dominanz seien in der Lektüre zu finden. So behauptet Pippi an einer Stelle, "dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag". Und im "Taka-Tuka-Land" ist Pippis Vater als Weißer automatisch König - ein "Negerkönig", wie es in der Originalausgabe von 1945 noch hieß. Seit 2009 wurde er vom Verlag zum "Südseekönig" umbenannt.

    Benz geht es um den Schaden, den Vorurteile und rassistische Klischees bei den jungen Lesern anrichten können. "Vorurteile werden früh erlernt und eingeübt", sagt er. "Früh erworbene Ressentiments bleiben besonders wirksam und prägen nachhaltig das Weltbild vieler Erwachsener." Wolfgang Schäuble dient ihm als prominentes Beispiel. Dieser habe, so Benz, bei der Eröffnung der ersten Islamkonferenz in Berlin bekannt, sein Bild des Islams sei durch die Lektüre von Karl May geprägt. Auch Wolfdietrich Schnurres autobiografische Geschichte "Jenö war mein Freund" führt Benz als Beispiel an. Hier ist es der Zigeunermythos, den der Autor unhinterfragt transportiert. Ganz selbstverständlich klaut Jenö, die Hauptfigur - ein Zigeunerjunge der zudem Igel fängt, um sie anschließend über dem Feuer zu braten.

    Benz' Kritik ist berechtigt. Bücher für Kinder und Jugendliche sollten - ebenso wie Belletristik für Erwachsene - keine rassistischen Klischees und Vorurteile enthalten, denn was schwarz auf weiß geschrieben steht, findet auch Eingang ins Denken. Dennoch erscheint Benz' Kritik seltsam altbacken. Die Bücher, die er zitiert, sind alt. Astrid Lindgren schrieb den ersten Band von Pippi Langstrumpf 1945 und Wolfdietrich Schnurres "Jenö war mein Freund" wurde 1970 veröffentlicht. Einen aktuellen Anlass für Benz' Kritik gibt es nicht. Vielmehr, so gibt er selbst zu, habe das Thema schon lange auf seiner Agenda gestanden. Nun, da er bald in Rente gehe, habe er die Kinder- und Jugendliteratur noch einmal kritisch beleuchten wollen. Wo bleibt da der Erkenntnisgewinn? Sollen wir die liebgewonnene Pippi Langstrumpf einstampfen? "Nein", sagt Benz. "Gegenüber Vorurteilen und Feindbildern hat man nur eine Chance: Man muss über sie sprechen."

    Benz fordert also den oder die kritische VorleserIn, die in der Lektüre innehält und mit den Kindern über das Gehörte spricht, wenn Pippi über die lügenden Kongolesen urteilt. Aber hätten das die meisten Eltern, die heute noch Vorlesen, nicht ohnehin getan? Auch plädiert Benz für eine engere Zusammenarbeit zwischen Autoren und Historikern. "Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf historisch wahrhaftige Literatur", sagt er.

    D'accord, gegen sorgfältige Recherche ist nichts einzuwenden. Dennoch greift Benz' Kritik zu kurz. Denn statt nur auf veraltete Phänomene hinzuweisen, wäre es konstruktiver gewesen, nach Kinder- und Jugendbüchern zu fahnden, die Minderheiten thematisieren und damit schon früh zu Toleranz und Offenheit beitragen. Dazu hatte Benz' Vortrag leider nichts beizutragen. "Spunk", würde Pippi Langstrumpf dazu vermutlich sagen.
    Rassismus in Kinderbüchern: Igel bratende Zigeuner - taz.de

    Und das in einer Republik, wo das Ferkelbuch der GBS als unbedenklich "durchgewunken" wird....
    "Linke" Historiker sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht - im eigenen "Lager" blind!
    Geändert von Akolyth (14.10.2012 um 12:37 Uhr)
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  6. #4
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    Liebe Anna,

    die Vorstellung dieses Buches macht Mut und Lust darauf, es zu lesen. Vor Jahren war ich in Berlin im Museum des deutschen Widerstandes. Dort konnte ich wahrnehmen, wieviele praktische Beispiele es gab, die sich und sei es noch so gering gewesen, gegen das Greuel aufgelehnt haben. Es waren Menschen, die sich ihr Gefühl für Anstand, Miitmenschlichkeit und ihr Bewußtsein für Unrecht bewahrt hatten und die sich für ihre menschliche Haltund an der Stelle einsetzten, an der es für sie keine andere Wahl gab, um nicht ihre humane Haltung aufzugeben.

    Mir wurde dadurch klar, wie wichtig es wäre, nicht nur die Untaten zu benennen und sie in Erinnerung zu behalten, sondern auch die Taten, die gegn Unrecht vorgehen. Es ist doch wesentlich zielführender, eine "Didaktik" des Guten zu vermitteln, als eine Aufrechterhaltung des Bewußtseins, von der Übermacht des Bösen.

    Es gab sicher eine Zeit, in der es in der Verpflichtung zur Wahrheit, notwendig war die Untaten zu benennen. Heute aber sind wir schon längst an dem Punkt unser Augenmerk auf das zu richten, was Menschen gutes getan haben, um die Möglichkeit zu eröffnen, von ihnen zu lernen. Die wiegt um so mehr, weil die Aufrechterhaltung des "bösen Deutschen" in der politischen Richtung der Fachisten, auch als Propagandamittel der linken Ideologie , zu dessen Aufwertung ausgiebig genutzt wurde. Damit hat man in den Köpfen eingepflanzt, daß das Nachfolgen einer Ideologie nicht an sich böse ist, sondern es nur an der Wahl der richtigen Ideologie läge. Bis heute kann man den Erfolg dieser Kampagne, in der gesellschaftlichen Diskussion verfolgen. Links ist besser als rechts und deshalb sind die gleichen unmenschlichen Taten in ihrer Bewertung abhängig von der rechten (im Sinne von richtig) Ideologie.

    Diese Buchbesprechung zeigt einmal mehr, wie die Bewertung der Wahrheit unserer Geschichte, in eine Richtung gedrängt wird, die den Menschen sein Heil in Ideologien und Weltanschauungen suchen lässt, statt ihn darin zu fördern, wie er dem Guten folgen kann, inem er seinem angeborenen Bewußtsein für Gut und Böse, für Recht und Unrecht, seinem eigenen persönlichem Gewissen folgt.

    Wir bemerken gar nicht, wie sehr die Kräfte des Bösen, verkleidet in humanen Ideologien, dieses Gewissen, korumpieren will. Wir leben auch heute noch unter der Diktatur der Ideologien und auch in unserer freien Gesellschaft, wird der Mensch, der schlicht mitteilt was einfach ist, verfolgt und attackiert wird. Die Mittel der Verfolgung sind verschieden, aber das Ziel der Ausschaltung des Handelns eines selbstverantwortenden, frei nach seinem Gewissen handelnden und urteilenden Menschen, steht immer noch unter Verfolgung.

    Deshalb brauchen wir die Beispiele all dieser Menschen, die sich selbst treu geblieben sind, die uns den Maßstab für gutes selbstverantwortliches Handeln, vorgeben und die uns ermutigen sollen, auch in unserem Leben, aufrichtig aufzustehen, wenn es in einer Situation angefragt wird. Es ist der Weg des Lernens, auf unser eigenes Gewissen zu hören und uns von den echten Gefühlen unseres Herzens leiten zu lassen, unabhängig von Ideologien und Weltanschauungen, seien sie mit oder ohne Gott.

    Insofern scheint es in diesem Buch nicht nur um die Rehabilitation der deutschen Bevölkerung zu gehen, sondern um die des Menschen an sich, dessen wahre Natur im Laufe der Geschichte immer wieder von den verschiedensten menschlichen Ideen korumpiert und entstellt wurde. Es geht darum wahrzunehmen, daß der Mensch nicht nur Wolf sein kann, sondern berufen ist zum Guten, das er in sich trägt. Als beweis dienen all jene, die nach dem Bild dieses Menschen gehandelt haben, die sich ihr wahres Menschsein nicht haben verblenden lassen und den Mut des wahren Helden aufbrachten, auch danach zu handeln.

    Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen wollen,um uns zum Besseren hin entwickeln zu können, dann geht es darum diese Menschen aufzuspüren und aus ihrem Beispiel zu leben.

    Gruß

    Clara
    "Sehen, urteilen, handeln!"
    Joseph Leon Card. Cardiyn

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  8. #5
    Aktivist/in Avatar von Anmerkung
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    Zitat Zitat von Akolyth Beitrag anzeigen
    es stört mich, daß er zu wenig differenziert in seinem generellen Urteil über deutschen Antisemitismus.
    Ja, das verstehe ich. Dennoch birgt Löw vielleicht die Gefahr, das Ganze zu positiv darzustellen. Es hat solche und solche Menschen gegeben, ganz bestimmt, aber die Masse der Bevölkerung war nun einmal NS unterstützend oder zumindest gleichgültig und mit Löw könnte man meinen, die Mehrheit der Bevölkerung wäre gegen das Regime gewesen. Da stellt sich nur die Frage, wie es dann dazu kam, dass die deutsche Geschichte ihren Lauf nahm.
    Er ist meines Erachtens nach stark verantwortlich für diese unheilvolle "political correctness" unter der die eigentlich notwendige Auseinandersetzung mit unserer Geschichte verschüttet wird.
    Meinst du, Auseinandersetzung wäre eher möglich, wenn sich die Menschen einreden, ihre Vorfahren seien per se "gut" gewesen in dieser bösen Zeit?
    Ich mache mir große Sorgen was sein wird, wenn die Zeitzeugen tot sind und wir, die wir noch mit Zeitzeugen gesprochen haben auch....
    Vielleicht wird die Ignoranz zunehmen. Vielleicht wird es aber auch eine Möglichkeit sein, dass die Familien von Tätern und Opfern irgendwann "heilen" können, denn Erlebnisse und Traumata übertragen sich auf Kinder und Enkel und vielleicht kommen wir so irgendwann einmal zu einem "normalen" Umgang miteinander. Ich persönlich wäre sicherlich unbeschwerter aufgewachsen, hätte es keine Zeitzeugen mehr gegeben und mein heutiger Umgang mit dem Thema wäre nicht so belastet. Vielleicht wird es sowohl positiv als auch negativ sein, wenn es irgendwann keine Zeitzeugen mehr gibt.

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  10. #6
    Super-Moderator/in Avatar von Akolyth
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    Weißt Du, wenn 1933 44,x % der Wahlberechtigten Hitler gewählt haben, dann ist für mich der Befund klar. Es ist nach meiner Überzeugung Fakt, daß in der Geschichtsbetrachtung der 68er antinazistische Milieus absolut unterrepräsentiert sind. Löw fügt dem lückenhaften Bild das Fehlende hinzu. Mehr sehe ich nicht. Daß dann schnell der Verdacht des Revisionismus laut wird ist unfair (salopp gesagt). Da ich selbst aus einer stramm antinazistischen, katholischen Familie stamme, ärgert mich die Einseitigkeit schon immer: als könne nicht sein, was nicht sein darf....
    Es gab eindeutig das Milieu, das Joachim Fest in "Ich nicht" beschreibt. Es gab menschlichen Anstand und Prinzipientreue inmitten des Wahnsinns.
    Da muß ich mir nichts "einreden"...
    Löw bringt viele jüdische Zeitzeugen zu Gehör, die ja auch unterschlagen und gering geschätzt werden. Das finde ich gut!

    Ich kann es mir auch nicht vorstellen, wie es sein wird ohne echte Zeugen. Wenn ich mir jedoch anhöre, was heute schon an "Geschichtsklitterung" stattfindet von Zeiten, die ich bezeugen kann (DDR, RAF, Kalter Krieg, Diktaturen in Lateinamerika, Konzil etc.) dann wird mir angst und bang....

    Schau Dir nur an, was über Rühmann erzählt und nacherzählt wird (auch jüngst wieder von intelligenten Leuten wie Karasek) - und wer liest schon Zuckmayers Deutschlandbericht....Das ist nicht in Ordnung!
    Geändert von Akolyth (14.10.2012 um 13:12 Uhr)
    „Seine Armut ist Freiheit. Diese Freiheit ist Liebe. Nicht die Freiheit des Verstandes, der überlegen erkennt; nicht die Freiheit des Wollens, das sich in geordneter Übung löst. Unmittelbare Liebe; Kraft des von Gott berührten Herzens. Darum ist in Alledem kein Nein. Alles ist Ja. Alles blüht und leuchtet und lebt. Es ist das große Aug’ in Auge mit Gott“ -
    Romano Guardini über den Hl. Franziskus aus "In Spiegel und Gleichnis"

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  12. #7
    Weißgardist Avatar von Haiduk
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    Zitat Zitat von Anmerkung Beitrag anzeigen
    Es hat solche und solche Menschen gegeben, ganz bestimmt, aber die Masse der Bevölkerung war nun einmal NS unterstützend oder zumindest gleichgültig und mit Löw könnte man meinen, die Mehrheit der Bevölkerung wäre gegen das Regime gewesen.
    Es ist eine Konstante der Geschichte, daß sich die Masse der Menschen nicht groß für Politik interessiert und stattdessen ihrem Leben nachgeht.

    Löw stellt die Vorstellung in Frage, daß alle hätten gegen das Regime aufstehen müssen. In Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte schrieb er 2004:

    Das Grundgesetz deklariert in Art. 20. Abs. 4 ein Recht zum Widerstand. Von Pflicht ist nicht die Rede. Wo ist die Ethik, die ohne Rücksicht auf eigene Gefährdung den Widerstand gegen eine mörderische Gewalt zur Norm erhebt?
    Solch eine Norm läßt sich nicht aufrecht erhalten. Würde man ihr Geltung zugestehen, dann müßte sie in der ganzen Zeit vor und nach 1933-45 gültig sein und auch weltweit.

    Man darf aus der Judenverfolgung keine solche Norm ableiten und das zum Maßstab der Rechtfertigung des Menschen erklären.

    NACHTRAG:

    Zitat Zitat von Anmerkung Beitrag anzeigen
    Vielleicht wird es aber auch eine Möglichkeit sein, dass die Familien von Tätern und Opfern irgendwann "heilen" können, denn Erlebnisse und Traumata übertragen sich auf Kinder und Enkel und vielleicht kommen wir so irgendwann einmal zu einem "normalen" Umgang miteinander.
    Ich finde bereits die Umschreibung "Familien von Tätern" ein Unding. Wen meinst Du damit?

    NACHTRAG:

    Zitat Zitat von Anmerkung Beitrag anzeigen
    Was genau stört dich an Benz?
    In seiner Arbeit Widerstand im Exil — Exil als Widerstand sprach Benz 1991 von denen, die damals Deutschland verließen, als "Widerstand". Das ist nicht angemessen, weil es dort ja keinerlei Gefahren für sie gab.
    Geändert von Haiduk (14.10.2012 um 13:50 Uhr)
    Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich,
    sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören.
    Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes,
    und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus.
    (2. Kor. 10, 4-5)

  13. #8
    Aktivist/in Avatar von Anmerkung
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    Lieber Haiduk,
    Zitat Zitat von Haiduk Beitrag anzeigen
    Solch eine Norm läßt sich nicht aufrecht erhalten. Würde man ihr Geltung zugestehen, dann müßte sie in der ganzen Zeit vor und nach 1933-45 gültig sein und auch weltweit.
    Es gibt durchaus Verfassungen [die Verfassungswirklichkeiten einmal ausgeklammert], die von einer Pflicht zum Ungehorsam sprechen, wenn das Regime verfassungswidrig ist.
    Ich finde bereits die Umschreibung "Familien von Tätern" ein Unding. Wen meinst Du damit?
    Wie möchtest du es denn nennen? Wer nicht aktiv verfolgt wurde oder in einem Lager saß, ist für mich kein Opfer. Ein Täter ist für mich jemand, der sich aktiv an den Verbrechen beteiligte, indem er in der SS oder in der Wehrmacht war oder indem er wissentlich Verbrechen tolerierte, sprich sie geschehen ließ - also Menschen, die entweder schuldig waren für das was sie taten, oder für das, was sie nicht taten (weil sie nichts dagegen taten). Dies trifft meiner Meinung nach auf etwa 90% der damaligen Bevölkerung zu. Nur, wer nicht selbst Opfer war und wer aktiv Widerstand leistete oder Menschen half, indem er sie versteckte oder ihnen Papiere besorgte oder ähnliches ist für mich kein Täter.
    Das macht nun einmal die Mehrheit der Bevölkerung zu Nachfahren von Tätern - es macht sie selbst aber nicht zu Tätern. Und das ist meiner Meinung nach das, was uns trennt und gleichzeitig auch wieder verbindet. Ich bin mir sicher, dass viele nichtjüdische, nicht-homosexuelle, nicht-Zeugen-Jehovas, nicht Roma/Sinti- Familien auch unendlich unter dem NS Regime gelitten haben, vielleicht mussten sie flüchten, vielleicht sind Söhne oder Männer im Krieg gefallen, vielleicht wurden ihre Häuser zerbombt, vielleicht litten sie Hunger, vielleicht litten sie darunter, dass sie nicht mehr sagen durften, was sie dachten und so weiter. Aber sie haben nicht die Erniedrigungen, nicht die Bedrohung und die Ausnahmezustände erfahren, die die Opfer erfahren haben. Alte Menschen der Mehrheitsbevölkerung bekommen keine Schweißausbrüche und Panikattacken, weil ein kleiner Junge in blau-weiß gestreiftem Hemd vor ihnen sitzt; sie gehen ohne Ängste vor die Haustür; sie haben nicht das Problem, dass ihre Organe vollkommen verkümmert sind weil sie im KZ saßen und sie bekommen keinen völlig unverständlichen Nervenzusammenbruch, weil bestimmte Gerüche oder Geräusche sie an etwas erinnern, worüber sie nicht sprechen wollen.

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  15. #9
    . Avatar von Kohlhaas
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    Zitat Zitat von Anmerkung Beitrag anzeigen
    Ein Täter ist für mich jemand, der sich aktiv an den Verbrechen beteiligte, indem er in der SS oder in der Wehrmacht war oder indem er wissentlich Verbrechen tolerierte, sprich sie geschehen ließ - also Menschen, die entweder schuldig waren für das was sie taten, oder für das, was sie nicht taten (weil sie nichts dagegen taten). Dies trifft meiner Meinung nach auf etwa 90% der damaligen Bevölkerung zu. Nur, wer nicht selbst Opfer war und wer aktiv Widerstand leistete oder Menschen half, indem er sie versteckte oder ihnen Papiere besorgte oder ähnliches ist für mich kein Täter.
    Die Definition ist eine Unverschämtheit.

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  17. #10
    Weißgardist Avatar von Haiduk
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    Zitat Zitat von Anmerkung Beitrag anzeigen
    Es gibt durchaus Verfassungen [die Verfassungswirklichkeiten einmal ausgeklammert], die von einer Pflicht zum Ungehorsam sprechen, wenn das Regime verfassungswidrig ist.
    Welche Verfassungen sind das?

    Zitat Zitat von Anmerkung Beitrag anzeigen
    Wie möchtest du es denn nennen? Wer nicht aktiv verfolgt wurde oder in einem Lager saß, ist für mich kein Opfer. Ein Täter ist für mich jemand, der sich aktiv an den Verbrechen beteiligte, indem er in der SS oder in der Wehrmacht war oder indem er wissentlich Verbrechen tolerierte, sprich sie geschehen ließ - also Menschen, die entweder schuldig waren für das was sie taten, oder für das, was sie nicht taten (weil sie nichts dagegen taten). Dies trifft meiner Meinung nach auf etwa 90% der damaligen Bevölkerung zu. Nur, wer nicht selbst Opfer war und wer aktiv Widerstand leistete oder Menschen half, indem er sie versteckte oder ihnen Papiere besorgte oder ähnliches ist für mich kein Täter.
    Das macht nun einmal die Mehrheit der Bevölkerung zu Nachfahren von Tätern - es macht sie selbst aber nicht zu Tätern. Und das ist meiner Meinung nach das, was uns trennt und gleichzeitig auch wieder verbindet. Ich bin mir sicher, dass viele nichtjüdische, nicht-homosexuelle, nicht-Zeugen-Jehovas, nicht Roma/Sinti- Familien auch unendlich unter dem NS Regime gelitten haben, vielleicht mussten sie flüchten, vielleicht sind Söhne oder Männer im Krieg gefallen, vielleicht wurden ihre Häuser zerbombt, vielleicht litten sie Hunger, vielleicht litten sie darunter, dass sie nicht mehr sagen durften, was sie dachten und so weiter. Aber sie haben nicht die Erniedrigungen, nicht die Bedrohung und die Ausnahmezustände erfahren, die die Opfer erfahren haben. Alte Menschen der Mehrheitsbevölkerung bekommen keine Schweißausbrüche und Panikattacken, weil ein kleiner Junge in blau-weiß gestreiftem Hemd vor ihnen sitzt; sie gehen ohne Ängste vor die Haustür; sie haben nicht das Problem, dass ihre Organe vollkommen verkümmert sind weil sie im KZ saßen und sie bekommen keinen völlig unverständlichen Nervenzusammenbruch, weil bestimmte Gerüche oder Geräusche sie an etwas erinnern, worüber sie nicht sprechen wollen.
    Ich bin heute 42 Jahre alt. Mein Vater ist 1944 geboren, meine Mutter 1949. Als Maßstab könnten daher nur meine Großeltern gelten. Meine Großeltern saßen in keinem Lager. Mütterlicherseits waren es Ungardeutsche, die als Folge des Potsdamer Abkommens vom August 1945 aus Ungarn vertrieben wurden. Väterlicherseits waren es Bessarabiendeutsche, die als Folge des Hitler-Stalin-Pakts im Herbst 1940 ihre Heimat verlassen mußten und dabei Haus und Hof verloren. Mir ist nichts darüber bekannt, daß einer meiner beiden Großväter in der Wehrmacht oder der SS gedient hätte. Daß sie keinen Anteil an der Etablierung der Hitler-Diktatur haben konnten, liegt auf der Hand, weil sie 1933 noch gar nicht in Deutschland lebten. Dennoch waren sie Deutsche. Sie waren Opfer eines Krieges, der über sie kam, ohne daß selbst etwas dafür gekonnt hätten.

    Gemäß Deiner Definition gehört meine Familie zur "Familie der Täter" an. Habe ich das richtig verstanden?
    Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich,
    sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören.
    Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes,
    und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus.
    (2. Kor. 10, 4-5)

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